FT 07.06.2005 Sagen, Kräuter und sogar Mammutbaum
Naturkundliche Führung auf der Burgruine Lichtenstein
als Beitrag zur bayernweiten „Tour-Natur“
LICHTENSTEIN. Eine Veranstaltung im Rahmen der „Bayern Tour-natur“ fand unter Federführung des Pfarrweisacher Heimatvereins auf der Burgruine Lichtenstein statt. Eingeladen wurde zu einer Führung unter dem Motto „ Seltene Pflanzen und alte Mauern“.
Horst Ruhnau, der über ein fundiertes Wissen auf dem Gebiet der Pflanzenkunde, der Geschichte und Archäologie verfügt, entführte die überschaubare Gruppe Interessierter in eine Welt voller Überraschungen. Die Burgruine Lichtenstein steht auf einem zerklüfteten Felssporn und nutzt dabei geschickt mehrere mächtige Felsblöcke.
Geologisch gesehen, handelt es sich um so genannten „Rhätolias-Sandstein”, auch „Rhätsandstein” genannt. Vor über 200 Millionen Jahren überflutete ein riesiges Meer den heutigen süddeutschen Raum, wobei Teile des heutigen Unterfranken ehemals die Küste bildeten. In einem hier entstandenen Flussdelta wurden Sedimente abgelagert, die sich allmählich zu Sandstein verfestigten. Vor ca. 65 Millionen Jahren erfolgten die letzten größeren Gebirgsaufwürfe des Rhätikons. In dieser Zeit entstanden auch die Alpen.
In den letzten Jahren wurde vom Heimatverein auf dem Gelände der Ruine eine Vielzahl von Heilkräutern ausgesät und angepflanzt, so dass die Besucher die frei wachsenden Exemplare sehen und „begreifen“ können. Derzeit blüht eine ganze Menge von Kräutern und Grünpflanzen.
Der Heimatverein hat Wissenswertes über die auf dem Gelände lebende Flora und Fauna zusammengetragen und diese Informationen auf kleinen Tafeln mit Bild und Text dokumentiert. Diese Tafeln stehen direkt an den einzelnen Pflanzen und den Stellen, wo Tiere beobachtet werden können. So wird den Besuchern auch außerhalb einer Führung umfangreiches Informationsmaterial geboten.
Als größtes Pflanzenexemplar ist ein etwa 170 Jahre alter Mammutbaum zu bewundern, der allerdings außerhalb des Ruinengebäudes steht.
Horst Ruhnau erläuterte in seiner Begrüßung die Vielfalt der heimischen Pflanzenwelt und dass der gestresste Zivilisationsmensch immer mehr seiner Urinstinkte verliere. Zudem sei über die Jahrhunderte hinweg sehr viel Wissen über die heilenden Eigenschaften bestimmter Pflanzen und Kräuter verloren gegangen. Ruhnau erklärte im Rahmen der Führung zu jeder Pflanze die entsprechenden Heileigenschaften, warnte jedoch den Nichtfachmann davor, Heilkräuter in Selbstmedikation anzuwenden. „In vielen Kräutern stecken ungeahnte Kräfte und rund 70 Prozent beinhalten teilweise sogar starke Gifte“ erläuterte der Naturführer.
Weiter war zu hören, dass die Bader bei ihrem teilweise blutigen Handwerk lediglich über eine Narkoseart, die Laktose- Narkose verfügten. Diese Laktose wurde aus verschiedenen Latticharten gewonnen, getrocknet und den Patienten verabreicht. Die Wirkung sei nicht vergleichbar mit der heutiger Narkosen, so Ruhnau.
Viele Sagen ranken sich um die Burgruine Lichtenstein und bei der Schilderung so mancher angeblichen Begebenheit herrschte totale Stille und Aufmerksamkeit in der Runde. Ruhnau verstand es sehr gut, die Teilnehmer in seinen Bann zu ziehen und sorgte mit der einen oder anderen witzigen Begebenheit für ausgiebige Lacher.
Hier ein kleiner Ausschnitt der vorgestellten Sagen und Legenden rund um die Burgruine Lichtenstein: Zwei mitten in der Burg aufragende, jedoch durch einen breiten Spalt getrennte Sandsteinfelsen sollen das alte Wappen der Lichtensteiner bilden. Einer Legende zufolge soll das Geschlecht der Lichtensteiner aussterben, sobald die Felsen sich berühren. Obwohl dies bislang nicht der Fall war, erlosch das alte Geschlecht der Lichtensteiner im Jahr 1845.
Eine andere Sage rankt sich um den Felsen nordöstlich des Pallas, von dem auch im Sommer Wasser tropft. Diese Wassertropfen sollen die Tränen eines unglücklichen Burgfräuleins sein, das sich vor vielen hundert Jahren einen Junker der benachbarten Burg Raueneck zum Geliebten gehalten hat. Da sie verschiedenen Konfessionen angehörten, dauerte es lange, bis sie heiraten durften. Endlich getraut, verstarb der geliebte Junker unverhofft. Von diesen schweren Schicksalsschlägen erholte sich das Burgfräulein nie mehr und grämte sich hier zu Tode.
Natürlich bekam auch die kleine Schneidershöhle unterhalb des Pallas ihre eigene Sage. Sie entstand im Mittelalter durch die Erweiterung einer kleineren Höhle. In ihr soll damals ein Schneiderlein gehaust haben, das vorbeikommende Ritter heimtückisch erschoss und plünderte. Es wurde schließlich gefangen genommen und mit glühenden Scheren und Nadeln zu Tode gefoltert.
Die kurzweilige Führung durch Horst Ruhnau wurde von den Teilnehmern als besonders gelungen bezeichnet und so wird der eine oder andere wohl bald wieder auf historischen Spuren wandeln. spit
